Patient Köln – Wie steht es um unsere Stadt?

Bei diesem Titel und der Fragestellung mussten wir das Verlagshaus Kiepenheuer & Witsch natürlich aufsuchen und wurden noch vor der Veranstaltung mit einem schönen Blick auf Dom & Halbmond belohnt. Im Rahmen von regelmäßig-unregelmäßig stattfindenden Diskussionsveranstaltungen (und auch das obligatorische Pittermännchen durfte nicht fehlen!) näherte sich der KiWi-Verlag diesmal, bei der siebten Veranstaltung, dem Patienten Köln und der Frage: Wie steht es um unsere Stadt? Um das Fazit der knapp anderthalb Stunden vorwegzunehmen:

Es steht sehr, sehr schlecht um Köln, und doch ist noch nicht komplett Hopfen & Malz verloren!

Aus einem Pisspott kannst du kein Mokkatässchen machen.“ (Biggi Wanninger zit. n. Christine Westermann)

Auf dem Podium waren: Stephan Grünewald, Diplom-Psychologe, Mitbegründer des renommierten rheingold Instituts und Autor, u. a. von »Köln auf der Couch«, und Joachim Weiner, Soziologe und ehemaliges Mitglied der Initiative »Köln kann auch anders«. Die Moderation oblag Helga Frese-Resch (die einen – wie man im Laufe der Veranstaltung erfuhr – Karnevals-Knigge in 5. Auflage geschrieben hat) und Lutz Dursthoff, beide Verlag Kiepenheuer & Witsch. Der Imi und Nichtrheinländer Dursthoff konnte auch als einziger das Wort „Stadtarchivkorrekt aussprechen …

Der Opener von Frau Frese-Resch – die eben nicht in einem „Pisspott“ leben möchte – stimmte auf die kommenden knapp anderthalb Stunden ein, sie sagte sinngemäß: „Alles geht in Köln den Bach runter und sie bekommt die Anforderungen einer Großstadt einfach nicht hin.“ Dursthoff assistierte mit Beispielen des Scheiterns, bei denen hier nur der Archiveinsturz als pars-pro-toto – und möglicher Wendepunkt – in der jüngeren Kölner Geschichte genannt werden soll.

Stephan Grünewald fand (und findet) sich schon sehr, sehr gut & sprach geschliffen und zitierfähig:

„Köln hat einen einzigartigen Wirkungsraum geschaffen. Was wir jetzt erleben, ist die Kehrseite dieses Wirkungsraumes.“

Ab und an kam ich mit dem Notieren der Bonmots gar nicht mehr nach. Denn das Hauptproblem des „Kölners als solchem“ ist das Warten auf Heinzelmännchen und Heilsbringer von außen. Das sind die:

„Symptome der Behinderung. Der Versuch, Größe und Gemütlichkeit unter einen Hut zu bekommen […] aus Stroh Gold zu spinnen […] es entsteht moussierender Stillstand.“ (Stephan Grünewald)

Jürgen Weiner (aus Düsseldorf – es lebe die Folklore!)  entführte den Zuhörer, der mit dem Rat und den Dezernaten nicht so vertraut ist, in die Untiefen der Kölner Stadtverwaltung – ich hatte ab und an den Gedanken an Dantes Vorhölle. Mir war beispielsweise nicht klar, dass unsere Oberbürgermeisterin Henriette Reker den Dezernenten gegenüber nicht weisungsberechtigt ist: Und unter den Dezernenten (es gibt sicher einige, die talentierter und deutlich kompetenter sind als zum Beispiel Frau SusanneIch habe nicht den Oberverantwortungshut aufLaugwitz-Aulbach) hängen jeweils sechs bis acht Ämter. Endzeit! Aber: In einer „richtigen“ Stadt hätte man Verwaltungsmitarbeiter wie Guido Kahlen mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Nicht nur wegen seines Desasters Kalkberg. Aber hier in Köln interessieren die Minderleistungen Kahlens – bis auf wenige Ausnahmen – überhaupt nicht.

Süffisant sprach Weiner dann davon, dass man die Probleme in der Kölner Verwaltung (jeder gegen jeden, einige Ämter und Dezernate sprechen nicht miteinander!) über das Allheilmittel Verwaltungsreform zu lösen versucht. Aber auch diese Verwaltungsreform wird den – man verzeihe mir diesen Trumpismus – Sumpf nicht trockenlegen. Was hilft ist, laut Jürgen Weiner, sich eingehend mit Verwaltung zu beschäftigen, auch wenn das nicht spannend ist, um die Zusammenhänge in Köln zu erkennen und inhaltlich kritisieren zu können. Als er allerdings kurz ein paar Arbeitsergebnisse verschiedener Interessengruppen und Integrationsprojekte paraphrasierte, von denen keine je realisiert werden konnten, kam er höchst meinungsstark  zu dem Schluss:

„Ist der Kölner vielleicht einfach nicht intellektuell genug […] und zu ich-bezogen?!“ (Jürgen Weiner)

Ich konnte bei diesem Statement übrigens weder Murren noch Widerspruch im Auditorium wahrnehmen! Ist es etwa wirklich so, wie Boris Pofalla im Sommer in der FAZ über Köln schrieb:

„Kein Stolz, kein Gestaltungswille, nur Ausflüchte.“

Kurz wurden die Kölner Macher Adenauer und Wischnewski angetippt, die aber keine Ideologen – sondern Macher im Sinne eines Maggelns – waren. Köln sei ohnehin eine unideologische Stadt: Selbst knallharte Kommunisten wie  Paul Neuhöffer vom Pahl-Rugenstein-Verlag haben sich an den Kölnern die Zähne ausgebissen. Natürlich wurde auch zweimal der 1. Fußballclub Köln als Bezugspunkt und Beispiel für Großmannssucht und Selbstbesoffenheit erwähnt. Als man sich noch mit Bayern München, Dortmund etc. verglich, ging es natürlich total schief und man stieg mehrfach ab. Als der Vergleichsverein Mainz wurde und man konsequent und engagiert arbeitete, ohne auf Heilsbringer von außen – siehe oben – zu hoffen, war der Erfolg da. Trotz der derzeitigen Delle.

Die Herausforderung, an der bisher Politiker, engagierte Bürger wie auch die Verwaltung scheiterte, ist auch …

„das Produktiv-Kindsköpfige der kölschen Stadtgesellschaft – ein ewiger Kindergeburtstag […] das ist ein sehr egalitäres Prinzip: Jeder will mitmachen und -reden.“

Werden wir die Abkehr davon schaffen? Es ist ja nicht alles schlecht in Köln – kurz ging man auf die Zukunft und Perspektiven der Medienstadt ein (auch wenn es deutliche Kritik an der Zeitungslandschaft und dem WDR aus dem Publikum gab) und auf Möglichkeiten der Digitalisierung: Kann Köln zu einem rheinischen Tal des Siliziums werden? Ja, aber:

„In Köln haben wir eine produktive Verrücktheit – gepaart mit intensiven Selbstzweifeln.“ (Grünewald)

Außerdem kann man an den KVB-Fahrkartenautomaten bargeldlos zahlen: Willkommen in den Nuller Jahren! Kurz bevor die Veranstaltung nach gut 80 Minuten ein Ende fand, bemerkte ein Zuhörer zu Recht, oft werde vergessen, dass im Rahmen der Rückkehr der Hauptstadt von Bonn nach Berlin, viele Verbände, einige Botschaften und vor allem die virulente Kunst– und Musikszene Kölns (damals mit Weltgeltung!) nach Berlin ging – oder gezogen wurde.

Ein sehr schönes Bücherregal mit dem Prosa-Opus-Magnum von Helge Schneider im Zentrum.

Ich dachte die ganze Zeit nur an eines: Von der New Yorker, Londoner, Pariser oder sogar Berliner Warte aus, würde sich die Frage SO nicht stellen! Denn dann wären Köln, Düsseldorf, Leverkusen und alles, was die Landkreise drumherum angeht, Teile – Stadtteile – einer großen Metropole oder Metropolregion. Dann würden wir  gar nicht so kleinteilig denken und argumentieren. Das wäre wohl eine viel zu geschichtsvergessene Haltung, Heiko! Und ich habe mich natürlich nicht getraut, das mit der „Metropole“ zu sagen. Denn es ging um Köln und um das „Jeföhl“. Mit Blick auf den Einsturz des Stadtarchivs hoffe ich, dass das der Wendepunkt war: Die Selbstbesoffenheit führte zum Gedächtnisverlust. Hoffentlich sind jetzt alle wieder nüchtern.

Das Fazit des gelungenen Gedankenaustausches:

„In Köln ist noch viel Luft nach oben – aber wo kommt die Luft her?“ (Helga Frese-Resch)

Nach der Veranstaltung war wieder vor der Veranstaltung. Ein Blick auf den Kölner Dom (mit seinen „mütterlichen Zitzen“, so Grünewald) bei Mondschein. Ein Moment des Innehaltens, in dem beim Praktikanten kurz der Glaube vorhanden war, Projekte könnten hier vielleicht doch gelingen.

Hier, in Köln am Rhein.

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