„Ich und der Oberbürgermeister“. Und Du. Eine Buchvorstellung

Manchmal darf der Praktikant, wie am Samstag auf dem Barcamp Köln annonciert, auch beim feynschliff-Blog mitwirken. Aber nur, wenn es gute Gründe gibt. Wie die Buchvorstellung im Hansasaal des „Historischen Rathaus’“ zu Köln. Bei der der Praktikant als Begleitung dabei sein durfte. Innen ist das Ambiente übrigens deutlich ansprechender als draußen auf der Baustelle!

Beim Auftakt der Gesprächsreihe „wissenswert – Kölner Themen im Rathaus“ las das Autorenehepaar Dr. Barbara und Dr. Christoph Driessen drei Kapitel aus ihrem aktuellen Buch „Köln. Eine Geschichte“ und stellte sich den Fragen der Moderatorin. Mit auf dem Podium: Dr. Mario Kramp, mein neuer persönlicher Favorit in Sachen Wissenschaftsunterhaltung und Klartext.

Draußen Baustelle, drinnen Ambiente

Pünktlich um 11.00 Uhr stieß auch Oberbürgermeister Roters hinzu und begrüßte die etwa 100 Gäste mit ein paar launigen Worten. Und hob vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtbibliothek Kölnder Bibliothek des Jahres! – hervor. Leider konnte er nicht bis zum Ende der Veranstaltung und zum Umtrunk bleiben, da er noch eine Flüchtlingsunterkunft in Chorweiler besuchen wollte. Aber auch das passte sehr gut zum Werk über die 2000-jährige Geschichte Kölns – eine Vielvölkerstadt, in der mittlerweile mehr als 180 Nationalitäten (mit rund 150 Religionen) leben.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Antje Deistler, die direkt nach der Kurzvorstellung  erklärte: „Ab jetzt lasse ich die Doctores weg, sonst komme ich mir vor wie im Krankenhaus“. Christoph Driessen, im Gegensatz zu seiner Köln-freundlichen Frau eher Köln-kritisch, brachte seinen beruflichen Weg, bevor er 2006 in Köln landete, wunderbar auf den Punkt:

„Die Stationen waren Den Haag, London, New York & Köln. Alle haben gefragt: ‚Was ist da schief gelaufen?‘ Nur in Köln hieß es: ‚Jong, jetzt hastes‘ geschafft!‘

Daraus entspann sich später kurz eine launige Diskussion über das berühmt-berüchtigte kölsche Selbstbewußtsein und die Frage: „Ist Stadtgründerin Aggripina an allem schuld?!“ Hier wurde auch noch einmal heraus gearbeitet, dass auf der Schäl Sick, in Deutz, die Barbaren wohnten und linksrheinisch die kultivierten Römer. Eine Frontstellung, die auch nach 2.000 Jahren immer noch einen gewissen Bestand hat. Und für die Widmung an die Chefin, die der Praktikant „bestellte“, noch eine gewisse Rolle spielt.

Geschichts-Entertainment auf dem Podium!

Die Moderatorin, Bielefelderin, die aber darauf verwies, dass sie „einen kleinen Kölner zur Welt gebracht hatte“, stellte stets die richtigen Fragen und gab Stichworte, die alle drei auf dem Podium traumwandlerisch sicher verwandelten! Der Beginn mit dem Kapitel über das Gremberger Wäldchen und die Ausführungen über unberührte römische Bäder in Köln waren ein guter und leichter Einstieg in die schwere historische Kost. Christoph Driessen sprach von ein paar „Indiana-Jones-Momenten“, die er bei der Recherche zum Buch hatte, z.B. als er das wenig bekannte Römergrab in Köln-Weiden besichtigte. Frau Deistler entgegnete: „Das Buch habe ich gelesen wie einen Reiseführer von Köln für Kölner.“ Nach der Beschreibung der Kindheit und Krankenakte eines Jungen, der im 16. Jahrhundert groß wurde – umständehalber heute immer noch ein Wunder, dass er überhaupt groß wurde – brachte es Christoph Driessen auf den Punkt: „Die Stadt zog Gesindel an.“ Eine Aussage, die der Praktikant aus Konzilianz ohne aktuellen Bezug lässt.

Der Praktikant lernte einiges über Kloakenreiniger, scherzhaft „Goldgräber“ genannt, über das „Schleppschiff des Todes“, und die unschönen hygienischen Verhältnisse im Hochmittelalter & der Neuen Frühzeit, als in Köln der „urbane Friedhofseffekt“ zum Tragen kam, da mehr Menschen starben als geboren wurden. Oder pointiert von der Moderatorin zusammengefasst:

„Köln ist gewachsen, weil die Leute immer von außen kamen. Die, die hier waren, starben wie die Fliegen!“

Dann folgte ein Namensspaß-Geplänkel zu „Die Driessens“… und die Frage ob und wann dem Ehepaar die kölsche Bedeutung ihres Namens im Imperativ aufgefallen sei; diese Fips-Asmussen-Einlage wusste Barbara Driessen schnell abzumoderieren.

… und dann hatte der Praktikant Angst!

Nur einmal wurde es wirklich gruselig denn:

Davon hätte sich der Karneval – ach was, wir alle! – nie wieder erholt!

Im letzten vorgelesenen Kapitel ging es um die Zuwanderungsgeschichte in Köln nach dem Zweiten Weltkrieg, um „Gastarbeiter“, und Barbara Driessen führte sehr amüsant die bekannte Geschichte um Armando Rodrigues de Sá und die Übergabe des Zündapp-Mopeds aus. Sie beschrieb die Ikonographie der Alten Bundesrepublik, die jeder eines gewissen Alters noch vor Augen hat.

Nicht unterschlagen möchte ich neben den wunderbaren Appetithappen aus dem Buch, das am Büchertisch des Greven-Verlags beim Umtrunk direkt „weggekauft“ wurde, Mario Kramp und seine großartigen und meinungsstarken Statements. Nicht nur vorher musste ich zu Papier und Bleistift (sic!) greifen, als er von der „bildungsmäßig total verwahrlosten Jugend“ sprach. Als es um die von OB Roters zu Beginn angedeutete „Historische Mitte„, um einen Neubau des Römisch-Germanischen Museums und des Kölnischen Stadtmuseums in Sichtweite des Doms ging, brachte Dr. Kramp den Zustand des Stadtmuseums bei seiner Amtsübernahme auf den Punkt:

„Unser Haus sieht aus wie Chemnitz vor der Wende!“

Es ging zum Abschluss der Runde noch einmal darum, auch wenn Großbauprojekte in der Bundesrepublik momentan nicht unter einem guten Stern stehen (Flughafen BER, Elbphilharmonie, Stuttgart 21 und Nord-Süd-Stadtbahn), dass man nun mutig sein müssse und das Heft des Handelns in die Hand nehmen! Denn es sei egal, ob man eine Riesenbaustelle an der Domplatte oder zwei Großbaustellen in der Stadt habe. Hier bestünde die Möglichkeit, gestalterisch zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Selbst wenn es 120 Millionen Euro kostet. Der Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, hatte quasi das Schlusswort, als er auf die abschließende Frage von Antje Deister nach der „Historischen Mitte„, der „via culturalis„, „Gibt es auch Sorgen, dass das Konzept abgelehnt wird?“ folgerichtig antwortetet:

„Leben wir in Köln?“

Das war eine gelungene Veranstaltung, ein sehr gutes Format, das im wahrsten Sinne des Wortes das Attribut Infotainment verdiente! Und was gleichermaßen frappierend, überraschend wie angenehm war: Der Dom wurde nicht groß thematisiert. Ich hoffe, das war nicht der Grund, warum Barbara Schock-Werner dem Umtrunk fernblieb… 😉

Nachklapp: Ein leichter Schatten wurde doch noch auf die Veranstaltung geworfen. Es gab keinen Schaumwein, sondern nur Apfelschorle. Da der Praktikant aber eher zum „Kölschen Kranz“ tendiert, war das eine Stimmungseintrübung, die nur die Chefin betraf. Und sie erhielt von Dr. Driessen eine mehr als per– und versöhnliche Widmung:

Wer hofft, beim nächsten Mal wieder dabei sein zu dürfen?!

Der Praktikant

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