KIPPENBERGER!

Der Praktikant war im Theater. Und ist begeistert! Wie immer, sieht er die Welt sehr subjektiv:

Ein Exzess des Moments von Angela Richter.

„Kippenberger!“ war echt überwältigend! Großartige Darsteller, runde Dramaturgie, wunderbare Kulissen! Tolles Stück: BRAVO!

Allein der Beginn mit der Unterhaltung über die Entlassung von Branko Zebec aus Alkoholismusgründen und SAT1, RTL und ZDF als „großes Fernsehen“… Man war direkt im Stück. Kippi als „Freiheitsstatue“ und die großartigen Bühnenbilder, „die nachher ins Museum Ludwig kommen“. Chapeau!

Wobei: „So ein Arschloch, dieser blöde König!“ (will ihn, den mit neun Jahren erweckten Kippenberger, nicht im Museum haben). Obwohl auch die Frauen als Weggefährtinnen zu Wort kamen, hatte das Ganze etwas sehr Männnerbündlerisches. Womit ich sehr gut leben kann. 😉 Aber es ging ja auch eher um das Leben von K. und nicht – oder nur am Rande – um die Kunst. Aber seit der Ausstellung im Hamburger Bahnhof – sehr gut | very good – wissen wir ja, dass man dies nicht trennen kann…

Gute Videoeinspielungen, stimmige Aufteilung der (Lebens-)Abschnitte. Er war kein „Patriarch“, aber „Wenn es nicht weitergeht, gibt es eine patriarchale Intervention“ (Melissa Logan). Und obwohl ich mich so intensiv mit dem Leben Kippenbergers auseinandergesetzt habe, weiß ich immer noch nicht, wer der „Kanarienvogel“ ist. Ben Becker? Man musste viel lachen!

Später hat er dann mit ’ner Knarre in ’nen Eimer geschossen. Das war Performance.

Stark auch das Kulissenschieben, dramaturgisch gefiel mir das sehr, sehr gut, was sich vor allem am Ende bemerkbar machte. Intensive BILDER wurden erzeugt. Und viel geraucht wurde. 😉 Schöne Bonmots für die Ewigkeit, die Kippi gefallen hätten:

„Wenn er da war, war der da.“

„Wenn er ins ‚Central‘ gewankt kam, dann war da Show. Und er der Master“.

Als Spätgeborener bekam man eine Vorstellung vom Möglichkeitssinn und wie es wohl war, als Köln Mitte der Achtziger kurzzeitig die WELTHAUPTSTADT der Kunst war.

Interessant: Kein Wort darüber, wie Kippi Joachim Lottmann aus der Stadt gemobbt hat.

Insbesondere bei „Holiday in Cambodia“ bekam man eine Idee davon, dass Judith Rosmair nicht nur gut spielen, sondern auch tanzen kann. Das wurde bei der etwas slapstickartigen Michael-Jackson-Performance überdeutlich: „Stillos ist auch ein Stil“ – Griff ans Phantomgemächt (mit einem Malerpinsel in der Hand). Ich wiederhole mich: Starke Bilder. Oder anders: „Du bist aus, aus-, ausgewählt!“

Fünf sehr, sehr gute Darsteller!

Man bekam auch immer wieder einen Eindruck vom „mystischen“ Momentum, von der (Selbst-)Darstellung Kippis als SCHMERZENSMANN. Auch – und gerade – als auf offener Bühne mit Gaffelkölsch (keine Schleichwerbung) herumgespritzt wurde.

Und dann – und so war es wirklich, er hatte Zeit seines Lebens alle Level – ALLE – des Fips-Asmussen-Badges entlockt: Der SCHILDKRÖTENWITZ. Die letzen Grenzen überschreiten, schmerzhaft für alle Beteiligten, auch den „Puppekopf“, eine achtfach verrissene Vrumm! Vrumm! Vrumm!-Pointe. Nach dem, was man aus den Büchern kennt (das Schicksal des Spätgeborenen II), ist man geneigt zu sagen:

So war es wirklich!

Und wir lernten: „Kinder sind debil, bis sie acht Jahre alt sind. Rehe können schon nach einer halben Stunde laufen.“

Bei nur einem großformatigen Bild, bei der Sevilla-Fehlgeburt-Sequenz, „Kunst muss dingfest sein!„, als die FIGUR KIPPENBERGER beinahe von den eigenen Bildern zerquetscht wurde, war ich unschlüssig, ob es jetzt die MOMAS-Phase auf Griechenland war… Aber hochspannend zu erfahren, dass Kippi auch eine ganze Stadt, Köln als Dorf, gegen einen instrumentalisieren konnte und sich dann „ganz Kunstköln“ gegen einen wendete. Knokke, Köln, Kippenberger… Ein Schicksal, das Lottmann ja auch kannte… Und dann die Entschuldigung beim gesetzten Essen… Das muss ich in der etwas distanzlosen Susanne-Kippenberger-Biographie nochmal nacharbeiten…

Ganz fantastisch: Der IMPROTHEATERTEIL auf Zuruf:

Schüchtern | Notgeil | Grönemeyer (!) | Nachrichtensprecher | Weinen.

Und stimmig der schlimme, lange „Witz“ bei „Weinen“… er endet mit:  „Das Kind hat IST nur ein Auge“, „Ich werde es trotzdem lieben“, „Es ist blind“. Über die Brücke gehen…

Wien, der letzte Aussteller, nähert sich Kippenberger: „Er hatte so eine rotzige Art.“ Denn: „Wir kennen nur Grandezza – sind aber auch hinterhältig dabei!“

Das Kernlernwissen: „Künstler steht im Ansehen der Bevölkerung noch hinter Taxifahrer„. Es sei denn, man macht FDP-Kunst wie Neo Rauch. Und es war ganz toll, dass noch im Stück das „2. Sein“ erwähnt wurde… Meine Befürchtung bleibt: Kippenberger (der Künstler, nicht der Mensch) wurde vor seinem Tod unterschätzt – und nach seinem Ableben etwas über-. Doch wenn man „The Happy End of Franz Kafka’s ‚Amerika‘“ einmal mit eigenen Augen gesehen hat, sind derlei Überlegungen nur dunkle Momente des Zweifels…

Der Schluss war fulminant: Die LIVEPROJEKTION, nachdem alle „Lebenskulissen“ weggeschoben waren und er schon „aus dem Mund nach Aceton roch“ – und man seine Gefühle zum Tod Kippis im Guido-Knopp-Liveschnipsel-O-Ton-Duktus zum Besten gab. Wunderbare Idee von Laue und Richter! Mir ist am stärksten in Erinnerung geblieben:

Walther König hatte schon das [Schau-]Fenster gemacht: Kippenberger von dann bis dann.“

Das Fazit:

Fantastische Darsteller, gute und stimmige Unterteilung der Abschnitte, eine mir nicht ersichtliche Buchstabensuppe am Ende (Kritik an der Schaufenstergestaltung? Spiel mit Worten und Buchstaben? Oder bezieht es sich auf Robert Indianas „Love“ – als Ikone der pop-art und Inkunabel der Sammlung Ludwig?), also ganz am Ende, aber ein wunderbares Theatererlebnis… bei dem sich niemand des fantastischens Ensembles voller Spiel- und Improvisationskunst an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielt…

Immer noch ganz überwältigt:

Der Praktikant

Ein paar weiterführende Links:

Schnipsel vom Youtube-Kanal des  Schauspiel Kölns:

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