EURO2012-Tagebuch

[Vor der Vorrunde]

30.05.2012:

In 9 Tagen geht’s also los. Nach dem WM-Tagebuch 2006 und der Begleitung der Turniere 2008 und 2010 a.a.O., habe ich mich dieses Mal entschlossen, meine EM-Splitter hier auf dem feynschliff-Blog zu veröffentlichen.

Es kann also sehr wenig oder sehr viel Geschreibsel werden, denn dies wird die bipolarste EM seit langem: Entweder Vorrundenaus oder Europameister-Titel. Momentan ist es eher ein Schreiben gegen die Angst, dass unsere herrliche junge Nationalmannschaft frühzeitig die Heimreise antritt. Vielleicht werde ich einfach zur „Testspielmemme„, wie Thünnwardt Tünnenson es nennt? Oder ich bin einfach schwach im Glauben, was die Fähigkeit von Prof. Dr. Joachim Löw angeht, aus einer Kirmesabwehr eine Abwehr zu machen? Als fußballerisch in den Achtzigern sozialisierter Anhänger des runden Leders der Nationalmannschaft, also in einer Zeit, als man an die Försterbrüder, Briegel, Allgöwer, Augenthaler und sonstige Abwehrrecken glaubte, als…

[…] man zu Bratwurst mit Brötchen noch „Bratwurst mit Brötchen“ und nicht „Arena-Snack“ sagte. Und in denen man Ultras noch für ein Produkt hielt, das Frauen einmal im Monat nützliche Dienste leistet.

… stand die deutsche Hintermannschaft weniger für „schönen“ Fußball & offensive Aufbauarbeit, sondern vor allem für eine sattelfeste Abwehr. Diese habe ich bisher noch nicht gesehen. Steve Urkel in der Abwehr und Menschen wie Badstuber oder Hummels beruhigen mich im Momente noch nicht wirklich.

Und wir hoffen doch alle, naja, fast alle, dass der Kurs einiger Nationalspieler nach der Europameisterschaft nicht sinkt, oder? Bisher war es ein für mich persönlich nicht so erquickliches Fußballjahr, auch wenn mein Bundesligaverein die beste Saison seit Menschengedenken gespielt hat.

Erst das definitive Karriereende von Asgar Brinkmann. Und davor? Ich glaube, seit 1978 hat mich ein Doublegewinn nicht mehr so ins Mark getroffen. Glückwunsch an Dortmund, die können derzeit echt über Wasser gehen, holen das Double und Dortmund II stieg in die Dritte Liga auf. Ich versuche es auch hier mal mit dem dunklen Zauber des Franz Beckenbauer: „Zusammen mit Reus sind sie auf Jahre unschlagbar, das tut mir leid.

Aber all‘ das spielt keine Rolle mehr, es heißt jetzt nicht mehr „alles für den Dackel, alles für den Verein“ sondern jetzt geht es um ’schland!

Denn:

Ganz Europa fiebert dem sportlichen Großereignis entgegen. Am 8. Juni startet die Fußball-EM in Polen und der Ukraine. Auch in Deutschland werden wieder Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen sitzen. Selbst Top-Manager haben sich die wichtigsten Spiele längst in ihre Kalender eingetragen, damit bloß kein unnötiges Geschäftsessen dazwischenkommt.

Naja, den Auftakt gegen Portugal, unseren nie gefährdeten 4:2-Sieg, werde ich auf einer Hochzeit (!) sehen. Und nicht im – schon jetzt legendären – EM-Studio-Kalk, das uns 2010 beinahe nach ganz vorne trug. Da hat mein Kalender nach allen Regeln der Kunst gepatzt. Galore.

Egal. Opfer bringen. Glauben. Diese Startelf holt den ersten Dreier gegen Portugal:

Neuer – Höwedes, Boateng, Badstuber, Lahm – Khedira, Schweinsteiger – Müller, Özil, Poldolski – Klose

Sorge bereitet mir nur, dass unser Kader bloß zwei nominelle Stürmer beinhaltet, auch wenn ein Reus oder ein Müller durchaus „ganz vorne“ gegen die Pocke treten können. Meine Angst vor dem Vorrundenaus Mein „Pfeifen im Walde“ Meine Bedenken, was die Kirmesjungs und Slapstickboys in der Abwehr angeht, werden durch einen befreundeten Fußballfan, durch die Stimme der Vernunft, durch einen Menschen, der genau weiß, wie Fußball („Heute, gestern, damals“) funktioniert, ein wenig gedämpft. Er schrieb in anderem Kontext:

Was den titellosen Löw angeht, warten wir mal ab. Die Leistungen der Nationalmannschaft steigen seit Jahren kontinuierlich an, das Selbstvertrauen auch. Wo man eine Testspielschlappe einordnet, weiß jeder von denen. Bei Spanien fehlen Puyol und Villa und wenn Torres nicht wieder in Bestform kommt, muss Iniesta für die ganzen 1:0-Siege sorgen. Mal sehen, ob das so gut geht. Und wenn ich die holländische Abwehr sehe, nehme ich direkt wieder unsere. [Hervohebung, HS]

Und das ist angemessener formuliert als meine Haltung, die an Simplizität kaum zu überbieten ist:

Ich will einfach den Titel. Ich will nach 16 Jahren endlich wieder richtig schlafen können. Dafür brauche ich nur ein paar Mit-Ernstmeiner und ein gutes Glas Bier. Keinen Gauklerhut, keinen Autocorso oder alberne Schminke im Gesicht. Das können die Girlandenmenschen tun.

Ich will nur immer den Titel.

Für unsere herrliche junge Nationalmannschaft.

*

Was sonst noch passierte:

Ein paar Dinge machen mir Angst: „Ukraine plant Raketen-Einsatz gegen mieses Wetter“. Ein paar Dinge stimmen mich zunächst hoffnungsfroh: „Wettskandal in Italien: Monti schlägt jahrelange Profifußball-Pause vor„. Und dann fällt mir siehendheiß wieder ein: Gab es vor der WM 2006 nicht auch einen Fußballskandal in Italien? Das bittere Ende ist ja allseits bekannt…

Ferner sollen Kinder wieder davon abgehalten werden, unsere herrliche Nationalmannschaft zu unterstützen! Siehe Propagandavideo…

One Comment

  1. […] der anderen – auch unserer gruppengegner – untersucht habe: wir brauchen trotz kirmesabwehr keine angst zu haben. das zieht sich wie ein roter faden durch alle nationen, diese […]

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